Was ist Zöliakie? - Ein ÜberblickHerbert WieserZöliakie, beim Erwachsenen auch als Einheimische Sprue bezeichnet, ist eine Erkrankung des Dünndarms, die von den alkohollöslichen Speicherproteinen (Prolaminen) der Getreidearten Weizen (Gliadine), Roggen (Secaline) und Gerste (Hordeine) ausgelöst wird. Die Wirkung von Haferprolaminen (Aveninen) ist noch umstritten, während Reis-, Hirse- und Maisprolamine sowie andere pflanzliche und tierische Nahrungsproteine keine Zöliakie verursachen. Der Verzehr der zöliakieauslösenden Prolamine führt bei entsprechend disponierten Personen zu einer heftigen Entzündung im oberen und mittleren Dünndarmbereich, in deren Verlauf die Darmzotten vollständig abgebaut werden (siehe Abbildung). Dies hat eine stark verminderte Nährstoffaufnahme zur Folge, und es kommt zu gravierenden Mangelerscheinungen wie Avitaminosen oder Anämien. Typische Symptome bei Kleinkindern sind Gedeihstörungen, Leibblähungen, Erbrechen, Durchfälle und auch psychische Störungen. Beim Erwachsenen kommen oft auch Knochenschmerzen, Knochenschwund und Muskelschwäche hinzu.
Das Vollbild der Krankheit wird heute kaum ein Arzt übersehen, so dass die früher oft tödlich verlaufende sog. Zöliakiekrise nicht mehr auftritt. Eindeutig diagnostiziert werden kann die Krankheit nur über die Entnahme einer Biopsie aus dem Dünndarmbereich und ihre lupenmikroskopische und feingewebliche Untersuchung. Der Mechanismus der Zöliakieauslösung ist noch nicht in allen Einzelheiten aufgeklärt. Wahrscheinlich handelt es sich um eine Autoimmunkrankheit unter Beteiligung des im Darmgewebe vorkommenden Enzyms Transglutaminase und von bruchstücken (Peptiden) der zöliakieauslösenden Prolamine. Die Angaben über die Häufigkeit der Zöliakie schwanken erheblich; die Anzahl der in Mitteleuropa gesicherten Erkrankungen liegt bei etwa 0.1 %. Da eine genetische Disposition vorliegt, kommt Zöliakie in der näheren Verwandtschaft von Erkrankten wesentlich häufiger (10 %) vor. Betroffen ist hauptsächlich die weiße Rasse, in China und Japan ist die Krankheit so gut wie unbekannt, unter Schwarzafrikanern wurde sie bisher nur ausnahmsweise beobachtet. Die einzige Therapie ist eine strikte lebenslange Diät, die keine Produkte aus Weizen, Roggen, Gerste und Hafer enthalten darf; davon ausgenommen ist lediglich die aus diesen Getreidearten hergestellte reine Stärke. Als Toleranzgrenze für die tägliche Aufnahme werden 0.01 g zöliakieauslösender Prolamine angesehen; d.h. der Toleranzwert wäre beim Verzehr einer einzigen Scheibe Brot mehr als 50 mal überschritten. Die strikte Einhaltung der Diät ist besonders wichtig, da Diätfehler mit einem deutlich höheren Risiko verbunden sind, einen bösartigen Tumor im Dünndarm zu entwickeln. Die Betroffenen dürfen eine breite Palette von Lebensmitteln des Alltags, wie Brot, sonstige Backwaren und Teigwaren, aber auch Bier nicht verzehren. In diesem Bereich sind die Zöliakiekranken auf Spezialkost ("glutenfreie Kost") angewiesen, die vor allem auf der Basis von Mais, Reis oder auch Buchweizen hergestellt wird. Ein besonderes Gefährdungspotential besteht in bestimmten Fertigprodukten, z.B. Puddingpulver, Püree, Saucen, Konserven, bei denen der Gehalt an zöliakieauslösenden Prolaminen nicht offensichtlich ist. Literatur: N. K. Harms und W. F. Caspary: Die Zöliakie und Sprue - Zöliakie des Erwachsenen. (Hrsg.: Deutsche Zöliakie-Gesellschaft, e.V. Filderhauptstraße 61, 70599 Stuttgart.) Weitere Informationen: Deutsche Zöliakie-Gesellschaft e.V., Filderhauptstr. 61, D - 70599 Stuttgart, Telefon 0711 / 45 99 81 - 0, Fax 0711 / 45 99 81 - 50, Internet: http://www.dzg-online.de, E-Mail: info@dzg-online.de
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